[Kambodscha] Mit dem Boot von Siem Reap nach Battambang

Wir waren in Siem Reap und wollten weiter nach Battambang. Mit dem Boot. Klar fährt auch ein Bus, aber das ist doch langweilig! Man hatte uns vorgewarnt: In der Trockenzeit könne die Bootsfahrt auch mal locker 9 Stunden dauern – je nachdem, wie oft das Boot im Niedrigwasser stecken bleibt. Na das wird uns schon nicht passieren! Wir hatten tolle Bilder von schwimmenden Dörfern und engen, verschlungenen Flusslandschaft gesehen, die jeden Zweifel an der Wahl der Verkehrsmittels sofort im Keim erstickten. Keine Diskussion also: wir fahren Boot!

Als wir morgens um 8 Uhr in den Pick-up kletterten, der uns zum Bootsanleger bringen sollte, wussten wir noch nicht, welches Abenteuer uns erwartete. Für manch einen unserer Mitstreiter war tatsächlich schon diese kurze Autofahrt eine Spur zu abenteuerlich. Während wir, zu den ersten vier Eingesammelten gehörend, noch einen Platz im Fahrerhaus fanden, wurden alle weiteren Zusteigenden auf die offene Ladefläche gebeten, auf der mittig eine kleine Bank montiert war. Für ein etwas älteres deutschen Ehepaar, die wir zufälligerweise auch noch an einer der schickeren Hotels in Siem Reap auflasen, war das natürlich ein ganz unzumutbarer Umstand. Nach einer längeren Diskussion, die hauptsächlich der Mann führte – vermutlich auch, weil der Fahrer kein Englisch verstand -, bequemten sich die beiden dann doch auf ihre Ladeflächenplätze und wir fuhren weiter Richtung Bootsanleger. Für ganze 200 Meter. Es hatte nämlich angefangen zu regnen: gefühlt 5 Mini-Tröpfchen pro Minute fielen gnadenlos vom Himmel. Das war’s. Mit wilden Schlägen auf das Autodach brachte unser deutscher Landsmann den Fahrer zum Anhalten und verließ unter einer Schimpftirade gemeinsam mit seiner Frau das Auto. Wir haben beide nicht mehr wieder gesehen. Wie schade!

Ohne weitere Zwischenfälle (abgesehen von den minütlichen Ermahnungen unserer französischen Platznachbarin an unseren Fahrer: „Hello Sir, you are not allowed to use the mobile phone while driving! It is too dangerous!“) setzten wir unser Fahrt fort. Vor Ort angekommen wurden wir entsprechend unserer gewünschten Destination auf die wartenden Boote verteilt. Gott sei Dank hatte der böse Regenschauer mittlerweile aufgehört, so dass einige Fahrgäste bereitwillig zusammen mit unseren Rucksäcken auf dem Bootsdach Platz fanden. Wir entschieden uns für eine kleine Holzbank unter Deck, die übrigens mit zunehmender Fahrtdauer ganz schön unbequem geworden ist…

Die kurze Fahrt quer über den großen Tonle-Sap-See (in der Regenzeit der größte Süßwassersee Südostasiens) war wenig spektakulär. Richtig interessant wurde es erst, als wir in den Sangker-Fluss einbogen, der uns über etliche Kilometer nach Battambang führen sollte. Noch konnten wir uns nicht vorstellen, wie in diesem doch recht breiten Fluss überhaupt ein Boot stecken bleiben konnte. Wir sollten später eines Besseren belehrt werden. Links und rechts säumten bereits die ersten Fischerhütten die Flussufer, doch schon bald tauchte vor unseren Augen auf, weswegen wir diese Bootsfahrt überhaupt gewählt hatten: ein richtiges schwimmendes Dorf! Auf Pontons gebaut trieben bunte Wohnhäuser (mit Blumen vor der Haustür!) ebenso wie kleine Lebensmittelgeschäfte und einfache Restaurants direkt auf der Wasseroberfläche. Ein absolut einmaliger Anblick! Kinder winkten uns fröhlich von den Veranden der Häuser zu. Nahezu das gesamte Leben findet hier auf dem Fluss statt. Wir mussten zweimal hingucken, als wir sogar Schweine in einem schwimmenden Käfig erkannten.  Verrückt! Vor lauter Staunen vergaßen wir fast, Erinnerungsfotos zu schießen. Zum Glück durchquerten wir noch zwei weitere dieser faszinierenden Wohnsiedlungen.

Unsere Ankunft wurde jedes Mal mit einem lauten Hupen angekündigt. Die Einheimischen hatten so die Gelegenheit, sich mit motorbetriebenen Longtailboten zu unserem Boot bringen zu lassen, um uns auf unserer Fahrt nach Battambang zu begleiten. Funktioniert also genau so wie ein Bus.

Nachdem wir das letzte schwimmende Dorf passiert hatten, wurde der Sangker immer verschlungener und schmaler. Unser Bootsführer manövrierte uns geschickt vorbei an dichtem Wurzelwerk, das von der Böschung ins Wasser ragte. Und irgendwann passierte es trotzdem: wir liefen auf Grund. Da half auch die volle Kraft des Motors nicht, der bereits Unmengen an Wasser in die Luft spuckte. Jetzt verstanden wir, warum zusätzlich zum Bootsführer weitere Angestellte unsere Fahrt begleiteten: sie zogen sich kurzerhand ihre Hosen aus und sprangen in die braune Brühe des Flusses, um das Boot zu schieben. Ihre Mühen führten tatsächlich schon nach kurzer Zeit zum Erfolg und wir konnten unsere Fahrt fortsetzen… bis wir uns nach ein paar hundert Metern zum nächsten Mal festfuhren. Das gleiche Prozedere begann von vorne! So richtig viel tat sich allerdings nicht. Einige unserer männlichen Mitreisenden hüpften spontan ebenfalls ins knietiefe (!) Wasser und gingen den Angestellten zur Hand. Auch vom Ufer kam Unterstützung herbei, zwei Einheimische reihten sich in die Helferriege mit ein. Mit vereinten Kräften und unter frenetischem Applaus der An-Bord-Gebliebenen gelang es ihnen, das Boot zu befreien. Juhu, es ging weiter.

Wir fuhren ein gutes Stück auf dem Fluss entlang und wähnten uns schon fast in Sicherheit – als wir wieder auf Grund liefen. Und dieses Mal so richtig. Es ging weder vor noch zurück. Alles Schieben war aussichtslos. Und nun? „Ten out!“, rief unser Kapitän plötzlich. Bitte was? Wir verstanden nicht. „Ten out!“, wiederholten er und wies dieses  Mal auf einen Pick-up oberhalb der Uferböschung. So langsam fiel der Groschen: zehn Personen sollten auf den Wagen umsteigen, damit das Boot an Gewicht verlor! Clever! Aber was war das für ein Pickup? Wo kam er so plötzlich her? Und wo fuhr er hin? Zögerlich kletterte ein Passagier nach dem anderen von Bord und watete zum Ufer. Die Verunsicherung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Der Kapitän zählte durch: …acht, neun, zehn! Zufrieden bedeutete er seinen anderen Helfern, das Boot abermals anzuschieben und siehe da: wir waren frei! Und ließen unsere Mitreisenden mit dem mysteriösen Pick-up zurück.

Trotz unseres neu gewonnen Leichtgewichts wurde unsere Fahrt wenig später erneut unterbrochen. Das gibt’s doch nicht! Wir steckten schon wieder fest! Schieben: half nix! Selbst die etwas wirren Kommandos des Bootsführers zur Gewichtsverlagerung („All to the front!“, „All to left side!“ – alle Passagiere folgten natürlich brav und liefen kreuz und quer durchs Boot) brachten keinen Erfolg.  Es kam, wie es kommen musste: „Ten out!“ Am Ufer wartete bereits ein Pick-up (oder war es derselbe wie vorhin?). Wir rutschten auf unserer Bank ein wenig tiefer und hatten Glück. Bevor wir aufgefordert wurden, das Boot zu verlassen, hatten sich bereits zehn andere Reisende geopfert. Der Motor kämpfte auf Hochtouren und wir konnten uns nun, mit weiter verringertem Gewicht, endlich befreien.

Unser Boot schlängelte sich tapfer den Fluss entlang, Kurve für Kurve. Wir hofften noch, aber ahnten es bereits: so ungeschoren sollten auch wir nicht davon kommen! Ein weitere ungewollte Fahrtunterbrechung und mit aussichtslosen Schiebeversuchen besiegelte unser Schicksal. Gemeinsam mit den verbleibenden anderen 13 Passagieren mussten nun auch wir das Boot verlassen und – wie sollte es anders sein – auf einen Pick-up umsteigen. 15 Personen auf einer Ladefläche. Geht nicht? Und ob! Teils stehend, teils sitzend rückten wir eng zusammen und holperten über den von Schlaglöchern übersäten Feldweg. Nach rund fünf Minuten Fahrt wurden wir winkend und lachend von Gruppe 1 und Gruppe 2 unserer Reisegefährten begrüßt, die sich am Flussufer zusammen gefunden hatten. Da standen wir nun und warteten, was wohl passieren würde.

Plötzlich ertönte in der Ferne ein langes Hupen und kurze Zeit später tauchte tatsächlich unser Boot hinter der letzten Flussbiegung auf. Der Kapitän reckte seine Faust triumphierend in die Luft und wurde jubelnd von uns begrüßt. Erleichternd kletterten wir alle wieder an Bord und setzten unsere Fahrt fort.

Je näher wir Battambang kamen, desto stärker veränderte sich die Kulisse an den Flussufern. Die bunten schwimmenden Häuser waren längst einfachen Bretterbuden gewichen, windschief zusammen gezimmert aus allen Arten von Holz, die wohl gerade zur Verfügung gestanden hatten. Kinder in verdreckten Kleidern spielten inmitten von Müllbergen, die sich an der Böschung angesammelt hatten. Ja, auch das ist Kambodscha. Spätestens jetzt hatte auch der Letzte begriffen, dass wir uns in einem der ärmsten Länder der Welt befanden. Kleinlaut wurden Plastiktüten mit noch nicht angetasteten Essensvorräten aus dem Boot gereicht und brachten die Kinderaugen zum Strahlen.

Die letzten Kilometer zogen sich wie Kaugummi, die einfachen Holzsitzbänke wurden zunehmend unbequemer. Die Landschaft bot wenig Abwechslung. Während wir hinter jeder Biegung unser Ziel Battambang erhofften, tauchten stattdessen immer weitere Bretterbuden und nur noch mehr Müll auf. Das Müllproblem ist leider in Kambodscha allgegenwärtig. Aber wie sollte man es auch lösen ohne eine funktionierende Müllabfuhr? Trotzdem: kein schöner Anblick! Na wenigstens blieben wir nicht mehr stecken!

Irgendwann erkannten wir am Horizont endlich einen Bootsanleger, kurz darauf hatten wir wieder festen Boden unter den Füßen. Wurde nun aber auch Zeit! Die Bootsfahrt war ein wirklich tolles Erlebnis, wir würden uns jederzeit wieder für diese Art zu reisen entscheiden. Man bekommt sehr vielseitige, aber auch absolut ehrliche Einblicke in das einfache Leben der Bevölkerung. Aber jetzt hatten wir erstmal genug und freuten uns über ein motorisiertes Gefährt auf 4 Rädern, welches uns zu unserem Hotel bringen sollte. Hallo Tuk Tuk, tschüss Boot!

4 Gedanken zu “[Kambodscha] Mit dem Boot von Siem Reap nach Battambang

  1. Uta Hanfeld schreibt:

    Vielen Dank für den tollen Beitrag. Ich bin für drei Monate hier, Regenzeit!, und werde die Strecke auf jeden Fall mit dem Boot fahren.
    Ciao aus Prek Dambang
    Uta

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    • wirdortundhier schreibt:

      Hallo Uta,
      Wir hoffen du genießt die Zeit in Kambodscha. Wir hatten leider nur knapp zwei Wochen in diesem tollen Land. Während der Regenzeit kommst du auf jeden Fall etwas schneller mit dem Boot voran, da es sich nicht im Flussbett festfährt 🙂
      Schöne Grüße Sandra und Patryk

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