[Schottland] Von Burgen, Schlössern und der Frage: „Wann hat man eigentlich genug davon gesehen?“

Der Gedanke an Schottland versetzt vermutlich jeden Hobby-Historiker direkt in Schnappatmung. Kein Wunder bei der schier unendlichen Anzahl an historischen Gebäuden, die es dort zu entdecken gibt. Doch auch wer sich nicht so sehr für Jahreszahlen und Stammbäume interessiert, wird beim Anblick der imposanten alten Gemäuer unweigerlich schwach. Egal ob Burg, Schloss oder Herrenhaus – sie ziehen einfach jeden in ihren Bann!

Auch wir waren sofort Feuer und Flamme, als wir unseren Reiseführer durchblätterten. Das prunkvolle Zuhause von Maria Stuart, in dem heute Schottlands Kronjuwelen aufbewahrt werden? Müssen wir sehen! Die kleine spätmittelalterliche Burg bei Stirling, die in der spannenden Serie „Outlander“ so eine wichtige Rolle spielt? Können wir uns doch nicht entgehen lassen! Das älteste noch bewohnte Schloss des Landes aus dem 14. Jahrhundert? Dürfen wir nicht verpassen!

Und so fuhren wir dann durch Schottland und klapperten dabei unsere Liste ab. Nicht, weil jeder Eintrag darauf bereits eine unumstößliche Entscheidung war. Sondern weil die meisten Orte eh irgendwie auf dem Weg lagen. Und wenn man schon mal in der Gegend ist, hält man natürlich auch an. Hinzu kamen etliche spontane Entdeckungen: Straßenschilder, die den Weg zu weiteren Sehenswürdigkeiten wiesen (meistens eben Burgen und Schlösser bzw. deren Ruinen). Verräterische Türme, die am Horizont zwischen den Baumwipfeln hervor lugten. Dafür nahmen wir dann gern auch mal den einen oder anderen kleinen Schlenker in Kauf. Wer weiß, was wir sonst verpassen würden! Am Ende unserer Reise brachten wir es auf stolze 12 Burgen und Schlösser sowie 4 Herrenhäuser. Wenn wir diese Zahlen heute lesen, können wir es selbst kaum glauben.

Die ersten Exemplare entlockten uns zahlreiche verzückte „Oh!“s und „Ah!“s. Alles war aufregend, irgendwie spannend. Fasziniert sogen wir jedes Detail in uns auf: finstere Kerker, verwinkelte Gänge, ausgeklügelte Abwehrmechanismen, lauschige Turmzimmer, holzvertäfelte Decken. Selbst der kleinste Steinbau weckte den Abenteuergeist in uns. Wie mag es hier früher ausgesehen haben? Und was ist wohl alles zwischen diesen alten Mauern passiert? Nicht selten vergaßen wir komplett die Zeit um uns herum. Erst ein zufälliger Blick auf die Uhr holte uns wieder zurück ins Hier und Jetzt. Auf zum nächsten Prachtbau!

Doch irgendwann passierte, was passieren musste: wir hatten einen „Burgen-Koller“. Es fing erst ganz harmlos an. Plötzlich waren wir schneller fertig mit unseren Besichtigungstouren. Lasen nicht mehr gebannt jedes einzelne Wort auf den unzähligen Infotafeln. Liefen nicht extra zurück, wenn wir am Ausgang bemerkten, dass wir aus Versehen irgendein Zimmer ausgelassen hatten. Und dann wurde es ernst! Selbst das hübscheste Gebäude konnte uns nur noch ein müdes Lächeln abgewinnen. Wir hatten den Blick für all das Schöne, all das Besondere verloren. Wurden beschlichen von dem Gefühl, dass es nichts Neues mehr zu entdecken gab. Irgendwie hatten wir alles irgendwo anders schon mal gesehen. Auf unserem Tiefpunkt konnten wir uns kaum noch motivieren, überhaupt aus dem Auto auszusteigen.

Das alles klingt nun furchtbar hart (und natürlich haben wir bei unserer Darstellung an der einen oder anderen Stelle auch etwas übertrieben). Aber hart war für uns auch die Feststellung, dass wir offenbar genug gesehen hatten. Keine Lust mehr auf Burgen und Schlösser im Land der Burgen und Schlösser! Und gleichzeitig war diese Feststellung auch unglaublich befreiend. Denn wir wussten nun, woran wir waren. Daher konnten wir plötzlich auch hoch gelobte historische Gebäude links liegen lassen. Konnten einfach dran vorbei laufen bzw. fahren. Ganz ohne Angst, etwas zu verpassen!

Die Moral von der Geschicht’: weniger ist eben doch manchmal mehr! Natürlich ist eine Schottlandreise nicht vollständig ohne den Besuch von Burgen, Schlössern und Herrenhäusern. Aber es müssen bei Weitem nicht alle davon sein! Überlegt euch, welche ihr wirklich sehen wollt und sagt zu den anderen guten Gewissens auch mal „Nein“! Außer, ihr habt spontan Lust auf eine weitere Besichtigung. Folgt einfach eurem Bauchgefühl!

Damit die Entscheidung vielleicht etwas leichter fällt, haben wir euch hier unsere persönlichen Highlights zusammen gefasst:

Eilean Donan Castle

Eilean Donan ist vermutlich nicht nur Schottlands bekannteste, sondern auch beliebteste Burg. Die Touristenmassen sprechen jedenfalls für sich. Aber es ist kein Wunder, dass sie bei jedem Reisenden so hoch im Kurs steht, denn sie ist wirklich wunderschön! Besonders bei Flut, wenn die kleine Felsinsel ganz von Wasser umspült und nur über die steinerne Brücke zu erreichen ist, bietet Eilean Donan Castle einen absolut unvergesslichen Anblick.

Wir hatten Glück bei unserem Besuch: um 18 Uhr waren wir gerade noch rechtzeitig für eine Besichtigungstour der Innenräume (lohnt sich!), aber gleichzeitig auch spät genug für etwas mehr Ruhe, denn die ganzen Busreisegruppen hatten offenbar ihr Tagesausflugsprogramm bereits beendet. Wer noch später kommt, muss sich dann mit der Außenansicht begnügen. Die heutige Burg ist übrigens eine Rekonstruktion aus dem frühen 20. Jahrhundert, denn das ursprüngliche Gebäude (erbaut im 13. Jahrhundert) wurde 1719 bei einem Angriff zerstört.

Dunrobin Castle

„Sans peur.“ („Ohne Furcht.“) ist der Wahlspruch des Sutherland-Clans – und trotzdem steht man fast schon ehrfürchtig vor ihrem Stammsitz. Dunrobin Castle wollten wir unbedingt sehen, da konnten uns selbst die zahlreichen Reisebusse und Autos auf dem Parkplatz nicht von abbringen.

Das prunkvolle Anwesen hat nur noch wenig gemein mit der Wehranlage aus dem 13. Jahrhundert. Seine heutige Architektur entstand nämlich erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Grund für den aufwändigen Umbau war der Besuch von Queen Victoria im Jahr 1872. Dunrobin Castle ist seither mit unglaublichen 189 Zimmern das größte Wohnhaus Schottlands. Im Rahmen eines Rundgangs kann man die alten Räume besichtigen. Lediglich das Fotografieren ist in den oberen Etagen untersagt, denn das Schloss gehört noch immer der Countess of Sutherland. Die teils gut erhaltenen und teils sehr gut restaurierten Möbel, Teppiche und Gemälde ließen uns wirklich staunen.

Zum Schloß gehört auch eine imposante Gartenanlage mit grandiosem Blick auf die Nordsee. Der Garten erinnert an eine sehr kleine Version des Gartens von Versailles und lädt zum Flanieren und Entspannen ein. Für uns insgesamt eins der schönsten Schlösser Schottlands.

Dunnottar Castle

Dunnottar Castle hat eine sehr bewegte Geschichte hinter sich – und die sieht man ihm auch an: zahlreiche Angriffe haben den alten Mauern schwer zugesetzt, Wind und Wetter haben ihr Übriges getan. Dennoch ist die heutige Ruine unglaublich faszinierend – allein schon wegen ihrer atemberaubenden Lage hoch oben auf den Felsklippen. Wer hin will, muss erstmal einige Stufen hinunter und anschließend wieder hinauf klettern. Aber die Mühe lohnt sich, versprochen!

Viele der Gebäude sind noch gut erkennbar und einige von ihnen können sogar begangen werden. Sehr spannend! Die dunklen Keller erfordern schon ein klein wenig Mut – besonders wenn man vorher die Schauergeschichten gelesen hat, die sich um die Burg ranken. Ihr Ursprung ist schnell erklärt: 1685 diente das Gewölbe „Whig‘s Vault“ als Gefängnis für über 150 Menschen. Nicht alle überlebten. Ob ihrer Seelen nun wirklich dort umher wandern? Wer weiss…

Crathes Castle

Crathes Castle gehört auf den ersten Blick nicht unbedingt zu den beeindruckendsten Bauwerken in Schottland. Wie so oft zählen aber auch hier die „inneren Werte“, denn hinter der etwas unscheinbaren Fassade verbirgt sich ein interessantes Interieur mit vielen Räumen, prächtigen Möbelstücken und bunten Gemälden. Besonders hübsch anzusehen sind die hölzernen, reich verzierten Decken. In den betreffenden Räumen liegen extra Handspiegel bereit, um die Kunstwerke ohne seltsame Kopfakrobatik betrachten zu können. Das kleine Schlösschen aus dem 16. Jahrhundert war tatsächlich bis in die 1950er-Jahre noch bewohnt. Und genau das merkt man auch. Es wirkt alles irgendwie lebendig, fast gemütlich – als hätte man gerade erst das Kaminfeuer gelöscht und die Möbel beiseite gerückt.

Das eigentliche Highlight aber ist definitiv der hübsche Walled Garden. Auf 1,5 Hektar finden sich dort neben akkurat gestutzten Büschen und Bäumchen vor allem bunt bepflanze Blumenbeete, die mit ihrer Farbpracht besonders in den Sommermonaten ein wahrer Augenschmaus sind!

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