[Schottland] Wo die Welt noch in Ordnung ist: Zu Gast in den Fischerdörfern des East Neuk of Fife

Still und verlassen liegt der kleine Fischerhafen vor uns. Ein paar Boote tanzen fest vertäut auf den sanften Wellen, die ins Hafenbecken plätschern. Ihre besten Tage haben sie längst hinter sich, hier und da ist bereits die Farbe abgeplatzt. Links neben uns fliegen kreischend Möwen durch die Luft. Vielleicht streiten sie um das letzte Stück Fisch, das vom morgendlichen Fang übrig geblieben ist. Dutzende Hummerreusen stehen ordentlich gestapelt an der Kaimauer. Die Fischer haben ihr Tagwerk längst beendet – oder noch nicht begonnen, wie man’s nimmt. Ein harter Beruf, den immer weniger Menschen ausüben wollen. Die Jungen zieht es in die Stadt, dorthin, wo mehr los ist. Das ganze Örtchen ist wie ausgestorben. Ein älterer Herr sitzt seelenruhig auf einer Bank am Wasser und beobachtet den Horizont. Gut eine Stunde später hat er seine Position kaum verändert. Abgesehen von ihm begegnet uns kaum eine Menschenseele bei unserem Streifzug. Vielleicht liegt’s an der Mittagszeit. Vielleicht aber auch am frischen Wind, der durch die Straßen pfeift. Aber so ist es eben an der Nordsee. Rau. Und malerisch zugleich. Wir finden es großartig!

Wenn man sich auf den rauen Charme einzulassen weiß, ist es wirklich wunderschön in den Fischerdörfern des East Neuk of Fife. Crail, Anstruther und St. Monans sind wohl die bekanntesten. Sie sind sich ähnlich und doch so verschieden. Crail zum Beispiel gilt mittlerweile als Künstler-Hotspot, während St. Monans seine Besucher mit einem besonders hübschen Hafen überrascht. Von Edinburgh oder Aberdeen kommend bieten sie eine gelungene Abwechslung zum trubeligen Großstadtleben. Entspannen und relaxen statt Sehenswürdigkeiten abarbeiten. Denn davon gibt’s in den Fischerdörfern kaum welche. Sich treiben lassen. Schauen, wohin der Wind einen weht. Und keine Sorge: der weht fast immer.

Mit dem Auto kann man Crail, Anstruther und St. Monans ganz wunderbar zu einer schönen kleinen Tagestour verbinden. Nur 11 Kilometer liegen zwischen den Dörfern. Schafft man theoretisch auch locker in ein, zwei Stunden. Aber dann wird er euch bestimmt entgehen: der Zauber der See, die hier früher Mittelpunkt allen Lebens war. Ihr wisst nicht, wovon wir sprechen? Dann atmet mal tief ein, wenn ihr da seid. Und wenn wir gerade schon beim Thema Meer sind: „Fish and Chips“ als leckere Mahlzeit zwischendurch ist natürlich ein Muss, denn nirgendwo wird Seafood frischer serviert als – eben – direkt am Meer. Entsprechende Lokale gibt es viele (manche sogar mit Auszeichnung, aber dazu weiter unten mehr). Wenn ihr es überhaupt nicht eilig habt, könnt ihr auch über Nacht bleiben. Hotels und B&Bs finden sich in jedem der Örtchen. Wer weiss: vielleicht habt ihr ja Glück und könnt frühmorgens den Fischern bei der Arbeit zuschauen.

Crail – Künstlerhochburg mit Dorfcharme

Crail hat uns auf Anhieb gefallen. Und das ging offenbar nicht nur uns so! In den letzten Jahren haben sich einige Künstler in dem kleinen Fischerdorf niedergelassen, um sich von der besonderen Atmosphäre inspirieren zu lassen. Aber keine Sorge: es ist weiterhin angenehm ruhig! Dafür gibt es viel zu entdecken in den schmalen Sträßchen. Die Crail Pottery zum Beispiel (75 Nethergate)! Der kleine Familienbetrieb bietet wunderschönes Kunsthandwerk in allen erdenklichen Formen und Farben an. Wer zur richtigen Zeit da ist, kann sogar beim Töpfern zuschauen. Im Shoregate ist neben vielen hübschen Häuschen, die sich ganz hervorragend als Fotomotiv machen, die Crail Harbour Gallery zu finden. Dort gibt es nicht nur Bilder und Dekokram, sondern auch einen gemütlichen Tearoom mit warmen Getränken und leckerem Kuchen.

Ungefähr auf halbem Wege hinunter zum Hafen zweigt vom Shoregate eine kleine Treppe ab. Folgt ihr dieser und dem anschließend Mauerweg, so erreicht ihr ein kleines Türmchen. Von dort habt ihr einen wunderbaren Ausblick auf’s Meer. Schließlich ist natürlich auch eine Stippvisite am Hafen Pflicht. Wozu ist man denn sonst in einem Fischerdorf? Wir suchten uns ein gemütliches Plätzchen und schauten für eine Weile den Fischerbooten zu, bevor wir zu unserem nächsten Ziel aufbrachen.

Anstruther – „Hauptstadt“ der Fish’n’Chips

Zu Anstruther können wir gar nicht viel sagen – außer, dass es dort hervorragendes „Fish and Chips“ gibt! Das „Wee Chippy“ in der Shore Street wurde vor gar nicht allzu langer Zeit vom „Observer“ zum besten „Fish and Chips“-Restaurant der Welt gekürt. Und das zu recht! Es ist die perfekte Anlaufstelle für ein Mittagessen. Oder einfach für zwischendurch, wenn der kleine Hunger kommt. Denn „Fish and Chips“ geht eigentlich immer. Wer nicht so sehr auf Imbissbuden-Charme steht oder mehr Lust auf was Süßes hat, kann alternativ auch dem dahinter liegenden „Bake House Café and Restaurant“ einen Besuch abstatten.

Frisch gestärkt haben wir Anstruther aber auch alsbald wieder den Rücken gekehrt. Das hatte einen einfachen Grund: es war uns schlichtweg zu voll. Nicht übermäßig voll, aber dennoch: zu viele Menschen für zu wenig Ort. Jetzt wussten wir zumindest, warum es in Crail schon fast ungewöhnlich leer war. Sie waren alle hier, die Touristen. Aus uns unerfindlichen Gründen, denn in den anderen Fischerdörfern ist es mindestens genauso schön (wenn nicht sogar noch ein kleines bisschen schöner). Wir brachen auf in der Hoffnung, unser nächstes Ziel wieder etwas ruhiger vorzufinden.

St. Monans – Malerisch und verträumt

Der Hafen von St. Monans und wir – das war Liebe auf den ersten Blick. Genau hier ist sie entsprungen, die Szene, die wir zu Anfang dieses Beitrags beschrieben haben. Der alte Mann und das Meer. Wir hätten es ihm gleichtun können: einfach nur da sitzen, auf einer Bank. Und das Panorama genießen. Stundenlang, weil es so schön ist. Die Shoreline ist gesäumt von hübschen Cottages, mal aus Naturstein, mal pastellfarben getüncht. Ihnen gegenüber teilen drei Piere das Wasser. Auf ihnen stehen ordentlich gestapelt etliche Hummerreusen. Sie geben ein unglaublich tolles Fotomotiv ab! Die Boote liegen verlassen da, warten auf ihren nächsten Einsatz. Auch sie zieren nun etliche unserer Fotos.

Auf der Bootsrampe am Ende des Westshore befindet sich ein ganz besonderer Ort: der „Wellie Boot Garden“. Unzählige Paar Gummistiefel von ganz klein bis ganz groß sind hier aufgestellt, bepflanzt mit bunten Blumen. Ein wunderbarer Anblick! Eröffnet hat den Wellie Garden Win Brown, ein lokaler Lehrer mit grünem Daumen, der einen Verwendungszweck für die zu klein gewordenen Gummistiefel seiner Enkelkinder suchte. Und diese Stiefel blieben nicht lang allein. Es wurden mehr und mehr. Ein einzigartiges Kunstprojekt, dem man sich gern anschließen kann, sofern man zufällig ein Paar Gummistiefel übrig hat.

Am nördlichen Zipfel des Ortes, dort, wo die Rose Street endet, führt ein einsamer Fußweg zur St. Monans Windmill. Die unscheinbare Mühle hatte vor vielen, vielen Jahren eine große Bedeutung für den Ort. Denn St. Monans war im 18. Jahrhundert vor allem für eins bekannt: Salz. Mithilfe der Mühle wurde eine Pumpe betrieben, die Meerwasser in die Salt Pans beförderte. Wenn man genau hinschaut, kann man die Lage dieser Salt Pans heute noch erahnen. Ein kleines Stück Geschichte, das man nicht verpassen sollte!

Zusatztipp: St. Andrews – Mehr als Heimat des Golfs

Wenn ihr nach eurer Reise durch die Fischerdörfer noch etwas Zeit übrig habt, können wir euch wärmstens empfehlen, auch St. Andrews einen Besuch abzustatten. Das elegante Städtchen überrascht mit vielen interessanten Sehenswürdigkeiten, darunter natürlich vor allem die schicke University. Gegründet 1413 ist sie die älteste Universität Schottlands und hat schon einige berühmte Persönlichkeiten hervorgebracht. Aber auch die Ruinen des St. Andrews Castle und der St. Andrews Cathedral können sich sehen lassen. Vom Turm der St. Rule’s Church hat man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt.

Parkt euer Auto am besten auf dem großen Parkplatz (gebührenpflichtig) am Ende des „Golf Place“, von dort aus könnt ihr alles prima zu Fuß erkunden. Wenn euch zwischendurch der Sinn nach einer süßen Stärkung steht, gibt’s bei „Janettas Gelateria“ (31 South Street) super leckere Eiskreationen. Rund um die Market Street laden viele kleine Geschäfte zum Bummeln ein. Ein Paradies für alle Souvenirjäger unter euch, versprochen! Und ein perfekter Tagesabschluss.

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