[Schottland] Zwischen royaler Pracht und düsteren Mythen: Zu Gast in Edinburgh

Natürlich ist eine Schottland-Rundreise nicht vollständig ohne Edinburgh. Also haben wir zum Ende unseres Urlaubs zwei Tage eingeplant, um die charmante Hauptstadt näher kennenzulernen.  Doch wo anfangen? Das Zentrum von Edinburgh ist zwar nicht besonders groß, alles lässt sich prima zu Fuß erkunden, aber es gibt unglaublich viel zu entdecken. Schließlich ist Edinburgh schon seit dem 15. Jahrhundert Hauptstadt – da hat sich einiges an Sehenswürdigkeiten angesammelt. Gesetzt waren natürlich das Edinburgh Castle und die Royal Mile. Aber was sollte man sonst noch nicht verpassen?

Edinburgh_RoyalMile

Rund um die Royal Mile entstand die Stadt, die wir heute kennen.

Zum Glück mussten wir uns dieser Frage nicht alleine stellen – Airbnb sei dank! Unser Host Derek lebt seit vielen Jahren in Edinburgh und kennt die Stadt wie seine Westentasche. Dementsprechend hat er jede Menge toller Tipps parat. Sein Herz schlägt besonders für Leith, jenen Stadtteil, in dem auch sein gemütliches Apartment liegt. Und seine Begeisterung war so ansteckend, dass wir direkt losgezogen sind, um die Nachbarschaft zu erkunden.

Vergesst Friedrichshain! Leith ist angesagt!

Leith ist Edinburghs aufstrebender Stern: jung, hipp, unkonventionell – und damit ein spannender Gegensatz zur historischen Altstadt (die ebenfalls schön ist, keine Frage, aber dazu später mehr). Bei den alten Docks am „Shore“ reihen sich heute keine Schiffe, sondern Szene-Restaurants aneinander. Besonders gefragt: das „Ship on the Shore“, eine gemütliche Seadfood-Bar, in der man ohne Reservierung kaum ein Bein an den Boden bekommt. Für einen entspannten Feierabend-Drink bietet das „Teuchters Landing“ seinen Gästen eine hübsche Außenterrasse.

Ein paar hundert Meter weiter südlich lockt der gut eineinhalb Kilometer lange „Leith Walk“ mit einer bunten Mischung an Geschäften, Bars und Restaurants. Unsere Favoriten: „The Cat’s Miaou“ für Souvenirs, „Origano“ für unglaublich gute Pizza und „Bar Brig“ für den obligatorischen Whisky zum Nachspülen. Leckeres Frühstück gibt es übrigens eine Parallelstraße weiter im „Polentoni“, einer kleinen italienischen Bäckerei mit guter Auswahl (38 Easter Road). Die schönsten Entdeckungen bei unserem Streifzug durch Leith waren aber zweifelsohne die vielen interessanten Kunstprojekte. Hier ein alter Doppeldecker, der zu einer Galerie umgewandelt wurde. Dort ein Popup-Store, in dem junge Künstler vorübergehend ihre Ateliers eingerichtet haben. All das sorgt für eine einmalige Atmosphäre, die man einfach erlebt haben muss. Wir würden jederzeit wiederkommen!

Die Royal Mile und ihre Gässchen

Die Altstadt von Edinburgh ist ein herrliches Gewirr von schmalen, kopfsteingepflasteren Gässchen (auch „Closes“ oder „Wynds“ genannt), an deren Ende sich manches Mal überraschend ein kleines Restaurant oder ein netter Innenhof verbirgt. Zwischen ihnen verläuft schnurgerade die berühmte „Royal Mile“, die mit ihren vielen historischen Gebäuden unglaublich beeindruckend ist (sofern es einem gelingt, die ganzen ramschigen Andenkenläden auszublenden). Am östlichen Ende befindet sich der „Palace of Holyroodhouse“ (die Residenz der königlichen Familie) und am westlichen Ende das Edinburgh Castle. Beides ist natürlich sehr sehenswert. Doch auch die „St. Giles‘ Cathedral“ lohnt sich für einen Zwischenstopp. Besonders die Ordenskapelle „Thistle Chapel“ hat uns optisch begeistert.

Südlich der „Royal Mile“ führen die George IV Bridge und die Victoria Street zum „Grassmarket“, einem hübschen Platz mit Kopfsteinpflaster und herrlich bunten Häuschen. Während hier früher öffentlich Hinrichtungen abgehalten wurden, werden heute in zahlreichen Lokalen Touristen mit leckerem Mittagessen oder dampfendem Kaffee versorgt. Perfekt, um die Energiereserven wieder aufzuladen. Denn auch wenn die Altstadt so kompakt ist, läuft man doch ganz schön viel hoch und runter. Wir waren sehr froh, als wir abends endlich unsere Füße hochlegen konnten!

Edinburgh_Grassmarket

Das Stadtbild von Edinburg ist einfach unser Ding. Bunte Häuser, hippe Läden.

Unsere größte Überraschung: The Real Mary King’s Close

„Da müsst ihr unbedingt hin!“, versicherte uns unser Host Derek. Eine inszenierte Führung durch Edinburghs Katakomben mit kostümierten Menschen? Klang nicht gerade wahnsinnig verlockend… Andererseits waren Dereks bisherige Tipps immer Gold wert. Also ließen wir es drauf ankommen, kauften zwei Tickets und folgten einer jungen Magd hinab in die Tiefe.

„Mary King’s Close“ war einst ein enges Gässchen im Herzen der Altstadt. Typisch für die Zeit im 17. Jahrhundert, denn Edinburgh wurde voller und voller, konnte sich aber aufgrund der Stadtmauern nur begrenzt ausdehnen. Also wurde immer weiter in die Höhe gebaut. Es entstanden wahre Häuserschluchten, dunkel und kaum 2 Meter breit. Im Schummerlicht fand auf kleinstem Raum das Leben statt: Handwerker boten ihre Dienste an, Händler verkauften ihre Waren, Hunde stromerten herum, Kinder spielten im Chaos, Menschen gingen in ihren Wohnungen ein und aus. Es war laut, stickig – und es stank. Denn die Nachtöpfe wurde – zu bestimmten Zeiten und mit vorherigem Warnruf – einfach auf die Straße entleert. Ihr Inhalt bahnte sich langsam seinen Weg zu einem Sumpf am Straßenende (heute zugeschüttet). Als sich 1645 die Pest in Edinburgh ausbreitete, machte sie natürlich auch vor „Mary King’s Close“ nicht halt und wütete dort auf’s Schlimmste. Viele Menschen verloren ihr Leben. Die verängstigten Stadtväter hielten das Gässchen sogar für den Ursprung allen Übels und mauerten es kurzerhand an beiden Enden zu. Vielen Bewohnern blieb kein Ausweg: sie starben elendig. Noch heute sollen ihre ruhelosen Seelen umherwandern. Mit der Zeit geriet „Mary King’s Close“ dann in Vergessenheit. Über dem Gässchen entstanden neue Gebäude. Erst in den 90er-Jahren entdeckte man es wieder und 2003 wurde es der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Während der wirklich gut gemachten Führung konnten wir verschiedene originale Räume besichtigen und wurden mit unzähligen spannenden Geschichten rund um die Bewohner von „Mary King’s Close“ versorgt, die zum Teil nichts für schwache Nerven sind. Ein einmaliges Abenteuer, das wirklich jeden Penny vom zugegebenermaßen nicht gerade günstigen Eintrittsgeld wert ist!

Unsere größte Enttäuschung: Edinburgh Castle

Bitte nicht falsch verstehen: das Edinburgh Castle ist wunderschön und auch aus geschichtlicher Sicht super spannend. Immerhin hat hier einst Maria Stuart residiert. Aber beides allein reicht leider nicht für ein rundum gelungenes Schlosserlebnis. Es muss eben auch eine gewisse Atmosphäre herrschen – und die will angesichts der Touristenmassen absolut nicht aufkommen. Wir hatten mit vielen Besuchern gerechnet, aber DAS lag jenseits unserer Vorstellungskraft. Vielleicht lag es am Wochentag oder an der Uhrzeit. Keine Ahnung, ehrlich! Überall Gedrängel, Geschnatter und Geschubse.

Grundsätzlich war Schlange stehen angesagt – am Ticketschalter (Kauft Tickets unbedingt vorher online und druckt sie vor Ort aus, das erspart einige Nerven!) genauso wie vor und in fast jedem Gebäude. Vor allem beim Bestaunen der schottischen Kronjuwelen ist Geduld gefragt. Immerhin werden die Gäste von emsigen Mitarbeitern freundlich erinnert, nicht vor dem Schaukasten stehen zu bleiben, sondern brav weiterzulaufen. Die Warteschlange würde sich sonst wohl ins Unermessliche verlängern. Das Spektakel mit der „One O’Clock Gun“ ist zwar ganz nett, aber aus unserer Sicht nicht worth the hype. Nach einer schnellen Besichtigungsrunde haben wir kapituliert: für diesen Rummel sind wir einfach nicht gemacht. Und außerdem hatten wir zum Glück vorab schon einige hübsche Schlösser besichtigen können.

Und sonst so?

Wer Edinburgh von oben sehen möchte, kann den „Carlton Hill“ besteigen. Mit einem noch besseren Ausblick wird belohnt, wer den deutlich höheren „Arthur’s Seat“ erklimmt. Dafür ist allerdings ein bisschen Kondition gefragt, die wir abends nach all der Lauferei (über 16 Kilometer!) nicht mehr aufbringen konnten. Gartenfreunde kommen in den „Royal Botanical Gardens“ voll auf ihre Kosten. Dort gibt es eine hübsche Auswahl an einheimischen und exotischen Pflanzen. Wenn die Zeit knapp wird, kann man auf den Gartenbesuch aus unserer Sicht aber auch ohne schlechtes Gewissen verzichten.

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