[Seychellen] Unterwegs auf Dschungelpfaden: Salazie- und Pasquiere-Track, Praslin

Was würdet ihr tun, wenn euch mitten im Nirgendwo ganz unverhofft ein Fremder auf sein Grundstück einlädt, um euch Haus und Garten zu zeigen: freudig einschlagen („Seid ihr verrückt?“, schreit der Kopf.) oder dankend ablehnen („Wer weiß, was ihr verpasst!“, gibt der Bauch zu bedenken.)? Klingt ziemlich absurd, oder? Aber genau dieser Frage mussten wir uns auf den Seychellen plötzlich stellen. Am besten fangen wir mal ganz von vorne an.

Es war unser erster Tag im Paradies. Nach einer entspannten Nacht und einem leckeren Frühstück mit Meerblick hatten wir so viele Hummeln im Hintern, dass wir ganz unbedingt die Insel erkunden wollten, statt uns einfach nur faul an den Strand zu legen. Da kamen uns der Salazie- und der Pasquiere-Track gerade recht! Beide Wege führen von Grand‘ Anse (genau da wohnten wir – wie praktisch!) einmal quer über die Insel und lassen sich zu einem schönen, ca. 10 Kilometer langen Rundkurs verbinden (wenn man nicht – wie wir – noch einen Abstecher zur Anse Lazio mit einbaut).

Praslin_GradAnse

Der Ort Grand‘ Anse ist recht überschaubar.

Der Salazie-Track beginnt direkt im Zentrum von Grand‘ Anse. Der Einstieg war aufgrund der zugegebenermaßen ziemlich überschaubaren Größe des Ortes leicht zu finden: wir bogen an der Saint Matthews Church in eine kleine Seitenstraße ein und passierten wenig später das „Britannia“-Hotel. Et voilà – da waren wir. Noch einige vereinzelte Häuser, dann ließen wir die Zivilisation endgültig hinter uns und wurden von einer grünen Dschungelwelt empfangen. Auf schmalen Pfaden wanderten wir stetig bergan, begleitet von einem tierischen Geräuschpegel, den wir noch nicht so ganz einzuordnen wussten. Überall zwitscherte und zirpte es. Klang bisweilen aber ungefährlich. Die riesigen Palm Spiders blieben brav in ihren Netzen am Wegesrand hängen. Schon ziemlich fiese Zeitgenossen… Aber irgendwie auch faszinierend – solange sie einem nicht in die Quere kommen. Nach gut eineinhalb Kilometer zweigte nach links der Pasquiere-Tracks ab (unser Rückweg!). Wir hielten uns rechts, um auf dem Salazie-Track zu bleiben. Auf wackeligen Holzbrettern überquerten wir einige Schlammpfützen (Memo an uns: Weiße Stoffschuhe sind keine adäquate Wanderbekleidung!) und erreichten schließlich die Passhöhe. Erstmal verschnaufen! War nämlich doch ganz schön warm in der Mittagshitze. Gemächlich machten wir uns schließlich an den Abstieg zur Anse Volbert. Das gelegentlich zwischen den Bäumen aufblitzende Blau des Meeres beflügelte unsere Schritte und wenig später hatten wir endlich den wohlverdienten, feinen Sand zwischen den Zehen.

Zur Stärkung genehmigten wir uns erstmal eine frische Kokosnuss und zur Abkühlung einen Sprung in die Fluten! Herrlich, denn: glasklares, lauwarmes, ruhiges Wasser – ganz ohne Seegras! (Das wird nämlich auf der anderen Inselseite immer mal wieder zum Problem, besonders in den Herbstmonaten). Doch nicht nur das macht die Anse Volbert zu einem absoluten Traumstrand. Gesäumt wird die etwa eineinhalb Kilometer lange Bucht von unzähligen Takamaka-Bäumen und schattenspendenden Palmen. Am nördlichen Ende befinden sich die inseltypischen Granitfelsen. Ein wunderschönes Panorama, das unser Herz sofort höherschlagen ließ. Wir wussten: mit den Seychellen hatten wir als Strandliebhaber voll ins Schwarze getroffen! Unsere gelungene Urlaubszielwahl feierten wir mit einer entspannten Stunde Nichtstun, bevor wir unsere Handtücher zusammenrafften und weiterzogen. Nach einer kurzen Stippvisite im Ort – die wenigen Geschäfte waren schnell abgeklappert –  machten wir uns auf gen Norden, immer der Straße nach, zunächst bis zur Anse Possession. Hier hätten wir wieder landeinwärts auf den Pasquiere-Track abbiegen können. Wir entschieden uns angesichts des noch jungen Tages aber dafür, weiter bis zur Anse Lazio zu laufen. Immer der Nase nach. Sah auf der Karte überhaupt nicht weit aus. Doch da täuschten wir uns gewaltig! Von der Anse Possession bis zur Anse Lazio sind es schlappe 4 Kilometer, wie wir im Nachhinein feststellen mussten. One way! Bei über 30 Grad im Schatten ist das definitiv kein Pappenstiel und besonders der Rückweg mit der laaaangen Bergauf-Passage machte uns ganz schön zu schaffen.

Praslin_WayToLazio

Der Weg ist das Ziel! Oder was meint ihr?

Aber die Anse Lazio entschädigt für alle Strapazen! Türkisblaues Wasser, sanfte Wellen, feiner Pudersand, saftig grüne Palmen und imposante Granitfelsen bieten einen Anblick, der sich kaum in Worte fassen lässt. Ein Ort wie aus dem Bilderbuch! Wir waren fast ein wenig verwundert darüber, dass außer uns kaum eine Menschenseele zu sehen war, freuten uns aber natürlich umso mehr über die himmlische Ruhe, die wir in vollen Zügen genossen.

Aber ob man will oder nicht: selbst die schönste Pause ist irgendwann zu Ende. Und so kehrten wir dem Strand am späten Nachmittag den Rücken – wohl wissend, dass noch ein paar Kilometer Fußmarsch vor uns lagen. Auf halber Strecke zurück zur Anse Possession (und damit dem Einstieg zum Pasquiere-Track) verfluchten wir uns kurz dafür, den Abstecher zur Anse Lazio so leichtfertig in unser geplant-entspanntes Wanderprogramm integriert zu haben, das mittlerweile mehr und mehr zu einem Halbmarathon mutierte. Umso freudiger waren wir, als wir endlich den Start des Pasquiere-Tracks erreichten. Nur noch ein Berg trennte uns von unserem Hotel und unserem wohlverdienten Abendessen. Mit diesem Gedanken mobilisierten wir unsere letzten Kraftreserven und liefen tapfer bergan.

Praslin_AnseLazio

Die Anse Lazio ist einer dieser überragenden Traumstrände.

Bis wir jäh gebremst wurden. Von einem Rasensprenger. Bei jeder 360-Grad-Drehung wässerte er neben dem Vorgarten des zugehörigen Hauses auch großzügig den Wanderweg. Weil uns gerade nicht der Sinn nach einer kalten Dusche stand, warteten wir auf einen günstigen Moment zum Vorbeihuschen – als uns plötzlich jemand von der Seite ansprach. Was genau wir hier tun würden, fragte uns argwöhnisch der Hausbesitzer. Unsere Blicke fielen auf das „No Photos!“-Schild hinter ihm, dann auf unsere Kamera, die um Patryks Hals baumelte. Unsicher deuteten wir auf den Rasensprenger und wollten gerade zur Erklärung ansetzen, als unser Gegenüber breit zu grinsen begann. Er stellte sich als Angelo vor und fragte, ob wir Lust hätten, uns seinen Garten und sein Haus anzuschauen. Bitte was? Hatten wir richtig gehört? Lädt uns gerade ein Fremder auf sein Grundstück ein? Hier, mitten im Nirgendwo? Das urdeutsche Misstrauen meldete sich zu Wort: „Seid ihr verrückt, überhaupt darüber nachzudenken? Wer weiß, was der Kerl mit euch anstellt!“ Recht hat er, der Kopf! „Aber er sieht doch so nett aus… Und der Garten ist wirklich wunderschön! Was soll schon passieren?“, warf der Bauch ein. Auch wieder wahr! Unsere Unsicherheit stand uns offenbar ins Gesicht geschrieben. Angelos Witz, dass seine Schildkröte übrigens auch Menschenfleisch fresse, erleichterte die Entscheidung nicht unbedingt. „Seht ihr, ich…“, fing der Kopf an. Klappe jetzt, Kopf! Die Neugier hat gesiegt. Wir fassten uns ein Herz und folgten Angelo in seine grüne Oase.

Stolz erklärte er uns jede Pflanze in seinem Garten. Ließ uns riechen, fühlen, probieren. Präsentierte uns seine Lieblingsbank, von der aus man bis zur Küste blicken konnte. Stellte uns die eben schon erwähnte Riesenschildkröte vor. Führte uns durch sein Haus, das er tatsächlich komplett selbst gebaut hatte. Zeigte uns Fotos und erzählte von seinen Kindern, die aktuell zum Studium im Ausland seien. Schenkte uns frische Maracujas für’s Frühstück am nächsten Tag. Und wieder einmal ärgerten wir uns über unser anfängliches Misstrauen, das uns fast um eine solch interessante Begegnung gebracht hätte. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – aber manchmal verhindert sie eben auch das eine oder andere Erlebnis. Lektion: gelernt!

Die Zeit bei Angelo verging wie im Flug und in Anbetracht der immer tiefer sinkenden Sonne mahnten wir uns alsbald zum Aufbruch. Schließlich wollten wir uns unter gar keinen Umständen im Dunkeln durch den Busch kämpfen. Wer weiß, was die fiesen Palm Spiders im Schutze der Nacht so treiben… Also verabschiedeten wir uns, legten einen Zahn zu und erreichten Grand‘ Anse im letzten Licht des Tages. Was ein Abenteuer!

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